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Hagelschutz mit Glas: Gängige Glasdicken bestehen die Vortests bis HW 5

Mit der Revision der Norm SIA 261/1 steigen die Anforderungen an den Hagelschutz in weiten Teilen der Schweiz. Müssen Fenster deshalb künftig dickeres Glas erhalten? Erste Testschüsse, welche die SIGAB im Mai 2026 zusammen mit dem FFF durchgeführt hat, deuten auf das Gegenteil hin: Alle geprüften, in der Praxis gängigen Glaskombinationen hielten Eiskugeln von 5 cm Durchmesser ohne Beschädigung stand.

Höhere Anforderungen an den Hagelwiderstand

Die Norm SIA 261/1 legt fest, welcher Hagelwiderstand wo vorzusehen ist. Der Schlussentwurf zur Revision des Kapitels Hagel (FprSIA 261/1) befindet sich im Einspracheverfahren und sieht höhere Anforderungen an die Bauteile vor. Die neuen Anforderungen dürften voraussichtlich im Verlauf von 2027 gelten. Grundlage ist die nationale Gefährdungskarte «Hagelklima Schweiz» (Abb. 1). Sie beruht auf Radardaten der Jahre 2002 bis 2020 und zeigt, dass die Hagelgefährdung in vielen Regionen bisher unterschätzt wurde.

Die Karte zeigt, welche Hagelkorngrösse in einer Region statistisch einmal in 50 Jahren zu erwarten ist. Die Bezugsfläche von 100 m² entspricht etwa der Grundfläche eines typischen Einfamilienhauses. Je kräftiger die Farbe, desto grösser die Hagelkörner und damit das Schadenrisiko am Gebäude.

Verbreitet ist mit Hagelkörnern von über 3 cm Durchmesser zu rechnen, was dem Hagelwiderstand HW 3 entspricht. In besonders exponierten Regionen, etwa in Teilen des Mittellandes, am Alpennordrand und im Südtessin, liegen die Werte deutlich höher. Für die Funktion der Bauteile wird damit vielerorts HW 4 (Hagelkorn Ø 40 mm) statt HW 3 massgebend.

Was bedeutet das für Fenster und Fassaden?

Das Ziel ist unbestritten: Ein höherer Hagelwiderstand reduziert Schäden an der Gebäudehülle und damit auch Folgeschäden durch eindringendes Wasser. Die Auswirkungen auf den Fenster- und Fassadenbau sind jedoch erheblich. Gemessen an den heutigen Einträgen im Hagelschutzregister müssten künftig dickere Gläser eingesetzt werden als heute üblich, mit Folgen für das gesamte Fenster- und Fassadensystem. Eine pauschale Erhöhung der Glasdicke hätte klare Nachteile:

- Gewicht: Schwerere Flügel belasten Beschläge und Konstruktion stärker.

- Ökologie: Mehr Material bedeutet mehr graue Energie und höhere CO₂-Emissionen.

- Kosten: Das Bauen wird teurer.

- Wettbewerb: Anbieter, die den Hagelschutz sorgfältig umsetzen, könnten gegenüber Produkten benachteiligt werden, bei denen er weniger konsequent berücksichtigt wird.

Glas leistet mehr als angenommen

Abklärungen der SIGAB ergaben klare Hinweise, dass Glas in der Praxis leistungsfähiger ist, als es die bisherigen Registereinträge vermuten lassen. Gründe dürften sein, dass die Einträge im Hagelschutzregister nicht systematisch alle Produkte abdecken und dass Verglasungen bisher meist nur für die nachgefragte Klasse, in der Regel HW 3, geprüft und registriert wurden.

Um diese Hinweise mit Fakten zu untermauern, führte die SIGAB im Mai 2026 zusammen mit dem Schweizerischen Fachverband Fenster- und Fassadenbranche FFF Testschüsse bei einem anerkannten Schweizer Prüfinstitut durch. Versuchsaufbau und Durchführung entsprachen den VKF-Prüfbestimmungen Nr. 00 (Teil A und B) und dem ergänzenden Teil Nr. 04 für Flachverglasungen, mit einer Ausnahme: Die Anzahl Beschüsse war geringer als bei einer regulären Prüfung für das Hagelschutzregister.

So wird geprüft

Ein Schussgerät schiesst Eiskugeln definierter Grösse und Aufprallenergie auf festgelegte Stellen der Glasfläche. Anschliessend wird beurteilt, ob das Glas beschädigt ist. Der Durchmesser der Eiskugel entspricht dabei der Widerstandsklasse: Eine Eiskugel von 30 mm steht für HW 3, eine von 50 mm für HW 5, die höchste in der Schweiz geprüfte Klasse. Ein Beschusswinkel von 45° simuliert vertikale Fensterverglasungen, ein Beschusswinkel von 90° Dachfenster und Überkopfverglasungen (siehe Abb. 2 bis 4).

Anders als bei vielen anderen Bauteilen wird bei Glas nicht zwischen Aussehen und Funktion unterschieden. Der Grund: Eine sichtbare Beschädigung der Glasoberfläche durch Hagel geht in der Regel mit einem Bruch einher und damit mit dem Verlust der Funktion. Reine Ausmuschelungen (muschelförmige Abplatzungen) an den Aufprallstellen sind durch Hagel nicht zu erwarten, da Eis wesentlich weicher ist als Glas.

Isolierglas besteht heute in der Regel aus drei Scheiben und zwei Scheibenzwischenräumen, die über den Randverbund hermetisch abgeschlossen sind. Massgebend für den Hagelwiderstand ist die äusserste Scheibe. Die dahinterliegenden Scheiben, Beschichtungen und Gasfüllungen haben darauf keinen nennenswerten Einfluss.

Geprüfte Verglasungen und Ergebnisse

Geprüft wurden jeweils die dünnsten Aussenscheiben, die für den vorgesehenen Anwendungsbereich in der Praxis infrage kommen. Einscheiben-Sicherheitsglas (ESG) wurde in dieser ersten Phase bewusst nicht geprüft, da sein hoher Hagelwiderstand bekannt ist. Die Gläser waren in gängigen Fensterrahmen-Konstruktionen allseitig linienförmig gelagert. Die Glasfläche betrug gemäss VKF-Prüfbestimmungen 800 × 1000 mm. Beschossen wurde mit Eiskugeln von 30, 40 und 50 mm Durchmesser (HW 3 bis HW 5). Die Tabelle zeigt die massgebenden Ergebnisse für HW 5.

Test

Aussenscheibe

Eiskugel

Beschusswinkel

Ergebnis

1

Floatglas 3 mm

Ø 50 mm (HW 5)

45°

keine Beschädigung

2

VSG (Float) 2/0.76/2

Ø 50 mm (HW 5)

45° und 90°

keine Beschädigung

3

VSG (Float) 3/0.76/3

Ø 50 mm (HW 5)

45° und 90°

keine Beschädigung

4

VSG (Float) 4/0.76/4

Ø 50 mm (HW 5)

90°

keine Beschädigung

Tabelle 1: Ergebnisse der Vortests (Mai 2026) für HW 5. VSG: Verbundsicherheitsglas.

Alle geprüften, allseitig gerahmten Glaskombinationen bestanden die Vortests für HW 5 ohne Beschädigung. Die Ergebnisse deuten damit darauf hin, dass die höheren Hagelschutzanforderungen keine dickeren Gläser erfordern als heute üblich. Weil die Vortests mit einer reduzierten Anzahl Beschüsse durchgeführt wurden, ersetzen sie jedoch keine vollständige Prüfung. Als Nachweis können die Ergebnisse deshalb nicht beigezogen werden.

Wie geht es weiter?

Aufgrund der durchwegs positiven Ergebnisse soll das Prüfprojekt 2027 zusammen mit Mitgliedern des SFV weitergeführt werden. Ziel ist, den Hagelwiderstand für die gängigen Glaskombinationen mit einem vollständigen Prüfprogramm nach den VKF-Prüfbestimmungen formal nachzuweisen. Zusätzlich soll der Prüfumfang auf Gläser mit freiliegenden Kanten ausgeweitet werden, etwa auf Stufenisolierglas oder Vordächer, bei denen die Glaskanten direkt beschossen werden. Derzeit wird abgeklärt, welche weiteren Anwendungen und Produkte für Prüfungen zu berücksichtigen sind.

Über den Fortschritt des Projekts informieren die SIGAB oder die beteiligten Glasanbieter zu gegebener Zeit.

Bildbeschreibungen:

Abb. 1: Gefährdungskarte Gebäudeschutz. Hagelkorngrösse, die statistisch einmal in 50 Jahren zu erwarten ist, bezogen auf eine Fläche von 100 m². Quelle: NCCS, Hagelklima Schweiz (www.nccs.admin.ch)

Abb. 2: Detailaufnahme nach Beschuss: Dokumentation des Beschusses und Prüfung auf optische und mechanische Beschädigungen infolge des Impacts. ©Silvia Goerke, SIGAB

Abb. 3: Testaufbau Fensterbeschuss: Beschusskanal vor dem Auslösen. Der Beschuss simuliert 45° Hagel auf ein vertikales Fenster - hier wird der Rahmen beschossen. ©Silvia Goerke, SIGAB

Abb. 4: Jede Kugel wird vor dem Einsatz gewogen, um im Test die passende Beschussgeschwindigkeit einzustellen. Die ist nötig, damit die Simulation korrekt durchgeführt werden kann. ©Silvia Goerke, SIGAB